Neulich habe ich darüber nachgedacht, was in einer Yogaklasse passiert, wenn Menschen sich länger kennen. Am Anfang sind die Rollen ziemlich klar: Da ist ein Lehrer, da sind Schüler. Jemand kommt zum ersten Mal herein, jemand anderes ist seit Jahren dabei. Man ist freundlich, respektvoll – und zunächst vielleicht auch ein bisschen vorsichtig miteinander.

Und irgendwann verändert sich etwas.

Menschen werden unbefangener. Sie widersprechen. Sie machen Witze. Ich mache Witze. Und plötzlich lachen alle.

Ich habe mich gefragt, warum mir gerade dieser Humor so viel bedeutet.

Vielleicht, weil Humor für einen Moment die Rollen aufbricht.

Wir wissen natürlich weiterhin, wer Lehrer und wer Schüler ist. Aber das ist nicht mehr alles, was wir voneinander sehen. Für einen Augenblick begegnen sich nicht Funktionen, sondern Menschen.

Und vielleicht bedeutet wild genau das.

Nicht rücksichtslos. Nicht grenzenlos. Sondern nicht vollständig domestiziert durch die Vorstellung davon, wie man sich in einer bestimmten Rolle zu verhalten hat.

Und free bedeutet dann auch nicht: Ich kann tun, was ich will.

Es bedeutet: Ich muss nicht die ganze Zeit die Person darstellen, die ich glaube sein zu müssen.

Das Interessante ist, dass man beobachten kann, wie sich dadurch ein Raum verändert. Wenn Vertrauen entsteht, werden Menschen spielerischer. Sie antworten zurück. Sie zeigen mehr von sich. Sogar Menschen, die neu dabei sind und zunächst nur beobachten, spüren manchmal diese Offenheit. Und plötzlich sitzen sie nach der Klasse mit beim Kaffee.

Vielleicht ist das eine der schönsten Seiten daran, Asana zu unterrichten: Wir üben Formen. Wir lernen Disziplin. Wir wiederholen Bewegungen, Atem, Abläufe. Wir schaffen einen klaren Raum.

Aber all diese Form ist nicht dazu da, uns noch kontrollierter zu machen.

Sie soll irgendwann etwas freigeben.

Etwas Ungeplantes. Etwas Lebendiges. Etwas, das zwischen Menschen entsteht und sich nicht herstellen lässt.

Vielleicht sogar etwas Wildes.

All good things are wild and free.

Jan Herzberg

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